Die sieben O-Antiphonen (2024)

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Der Advent geht in seine Zielgerade, wenn am 17. Dezember die O-Antiphonen beginnen. O – was?, werden sich viele fragen. Hinter dem sperrigen und ohne Musik- oder Theologiestudium kaum verständlichen Begriff verbirgt sich ein kleiner liturgischer Schatz. Es handelt sich um sieben Sätze, älter als das Christentum, die spirituell auf Weihnachten vorbereiten.

Denn bis zum 23. Dezember konzentriert sich in den O-Antiphonen die Erwartung und Sehnsucht auf das Erscheinen Jesus, des Messias und unseres Retters. Es sind sieben je sechsstrophige Anrufungen, die aus dem Alten Testament stammen, aus Jesaja, Exodus und den weisheitlichen Büchern. In den Antiphonen wird Jesus in Anlehnung an die Bibelstellen unter anderem als "Weisheit", "Morgenstern" oder "König der Völker" angerufen und gebeten, auf der Welt zu erscheinen. Zu hören bekommt man sie im Abendgebt der Kirche, der Vesper, und in verkürzter Form in den (Werktags-)Gottesdiensten als Ruf vor dem Evangelium.

Im Stundengebet betten die Antiphonen die Psalmen mit einem Lob auf das Wirken Gottes ein: Stets vor und nach einem Psalm wird ein Satz im Wechselgesang wiederholt. Sie werden mit den althergebrachten gregorianischen Melodien gesungen, vor allem von Ordensleuten. Die O-Antiphonen umrahmen das "Magnificat", den Lobgesang Mariens, in der Vesper. Die adventlichen sieben Sätze heißen deshalb so, weil die Anrufung stets mit einem staunenden "O" beginnt. Sie enden übrigens auch ähnlich. Der Schlusssatz beginnt immer mit einem "Komm". Jesus soll kommen und Gefangene aus den Kerkern befreien, die in der Finsternis Sitzenden erleuchten und, wie es am 19. Dezember (O radix Jesse) heißt, uns erretten:

"O Spross aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen für die Völker – vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: O komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht länger!"

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Das Kirchenlied "Herr, send herab uns deinen Sohn" bezieht sich auf den Text der O-Antiphonen.

Mit der Anrede soll auf die Abstammung Jesu aus dem Haus Davids verwiesen werden: Isai, auch Jesse genannt, ist der Vater von König David. Der Prophet Jesaia verheißt einen rettenden Messias, der aus dem Baumstumpf Jesse wachsen werde (Jes 11,1-10). Geheimnisvoll klingt auch die Anrede "Schlüssel Davids" (20. Dezember), die ebenfalls aus dem Jesaiabuch stammt (Jes 22,22). Es handelt sich um einen Schlüssel zur Befreiung aus körperlicher und seelischer Gefangenschaft, nicht um einen Zugang zu Palästen und Wohlstand. Der "Heilige", der den Schlüssel hat, kann öffnen, sodass niemand mehr schließen kann und schließen, "sodass niemand mehr öffnen kann", heißt es auch in der Offenbarung (Offb 3,7).

"Ein ungehobener Schatz"

Besonders sind die O-Antiphonen auch, weil es sie schon so lange in der Liturgie gibt und sie somit "zum Urerbe der Adventszeit gehören", wie es Ludger Reichert, Pfarrer im Bistum Mainz, beschreibt. Erste schriftliche Zeugnisse stammen aus dem 7. Jahrhundert. Die kunstvollen, miteinander verwobenen Zitate aus dem Alten Testament fokussieren neben der erwarteten Ankunft die geistlichen Urnöte des Menschen, von denen zu befreien Jesus gekommen ist. Die Gläubigen bitten ihn um Einsicht, Befreiung, Erleuchtung, Hilfe und Rettung.

Die sieben O-Antiphonen (1)

Das bemerkenswerteste ist aber, dass der Sohn Gottes im Mittelpunkt der sieben Antiphonen steht, obwohl er nicht ein einziges Mal genannt wird. Auf der Wortebene ist in ihnen "nichts spezifisch Christliches festzustellen", bemerkt der Bibelwissenschaftler Egbert Ballhorn. Weder das Wort "Christus" noch "Messias", also das griechische und hebräische Wort für den Gesalbten Gottes, tauchen auf; stattdessen nur Namen und Begriffe aus der alttestamentlichen Überlieferung. "Die O-Antiphonen stellen in dieser Hinsicht einen ungehobenen Schatz unserer Verhältnisbestimmung von Altem und Neuem Testament, von Judentum und Christentum dar", schreibt Ballhorn in dem Aufsatz "Die O-Antiphonen. Israelgebet der Kirche".

Die Reihenfolge der sieben Strophen steht fest und ist nicht austauschbar: Es geht zunächst um die präexistente Weisheit, dann um den Exodus und weiter um die Davids- und Prophetenzeit. In der letzten Antiphon findet sich laut Ballhorn der "einzige zarte Hinweis auf das Weihnachtsgeschehen". Denn der auch als Jesustitel gebräuchliche Name Immanuel taucht hier genauso auf, wie die Gottesanrede "du unser Herr und unser Gott". Liest man die Anfangsbuchstaben aller Anreden rückwärts, ergibt sich der lateinische Leistenvers "ero cras" ("ich werde da sein") – was als Antwort auf das "komm" gedeutet oder zumindest als Eselsbrücke genutzt werden kann.

Zusätzlich zu den gregorianischen Melodien des Stundengebets gibt es für den Gottesdienst auch Kirchenlieder wie "Herr, send herab uns deinen Sohn" (Gotteslob-Nummer 222, siehe Video) oder "O komm, o komm, Emmanuel", das sich in den Regionalteilen der Gotteslobe einiger Bistümer findet. Im liturgisch-musikalischen Vollzug erschließen sich die Strophen. Wer sich also in den letzten sieben Tagen vor Weihnachten auf die hymnischen Texte einlässt, kann vielleicht seine Vorfreude auf die Geburt Jesu steigern und sich mit den Versen auf das Fest einstimmen.

VonAgathe Lukassek

  • O Sapientia (Weisheit)
  • O Adonai (Herr)
  • O radix Jesse (Wurzel Jesse)
  • O Clavis David (Schlüssel Davids)
  • O Oriens (Morgenstern)
  • O Rex gentium (König der Völker)
  • O Emmanuel (Immanuel)

Erstmals erschienen am 17.12.2015, aktualisiert am 17.12.2019.

Die sieben O-Antiphonen (2024)
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